Wahrnehmungspsychologie II: Augen auf bei der Fragestellung

Wahrnehmungspsychologie-Didaktik-Bewegungsillusion

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Herr Meier sitzt vor dem Rechner und startet seine Abschlussprüfung. Er freut sich, denn er ist gut vorbereitet und braucht sich keine Sorgen machen. Erst nachdem er das Ergebnis sieht, ist er schockiert, denn irgendwie beantwortet er zu viele Fragen falsch. Wenn Herr Meier die Fragen falsch beantwortet, obwohl er die Fragen richtig beantworten müsste (sein Wissensstand ist in diesem Fall wirklich sehr gut), läuft etwas falsch – und Herrn Meier trifft nicht die Schuld.

Lektion 2: Wie Sie die Wahrnehmung Ihrer Mitarbeiter beim E-Learning überlisten können – und warum Sie gerade das nicht tun sollten

Durch einen Wissenstest sollte eigentlich Herrn Meiers Wissen abgefragt werden, also ob er die Inhalte des E-Learnings verstanden hat und sein Wissen anwenden kann. Nicht zu prüfen war, ob er sich von seiner Wahrnehmung überlisten lässt und Fragen dadurch unbeabsichtigt falsch beantwortet. Damit es Ihren Mitarbeitern nicht wie Herrn Meier geht, sollten Sie sich vor der Gestaltung eines Wissenstests Gedanken über die Wahrnehmungspsychologie Ihrer Mitarbeiter machen.

Wenn unser Gehirn überlistet wird

… sind wir chancenlos. Vermeintliche Kleinigkeiten, wie z.B. die optische Gestaltung von Inhalten und Fragen, fordern das Verständnis heraus und treiben unschuldige Mitarbeiter wie Herrn Meier zur Verzweiflung.

Unsere Wahrnehmung ist, wie Sie an der optischen Täuschung in diesem Artikel erkennen, leicht zu überlisten. Eigentlich dreht sich hier keiner der Kreise – wenn wir aber neben das Bild schauen, drehen sich die Kreise in unserer am Rande liegenden Wahrnehmung.

Optische Täuschungen machen viel Spaß – aber vermutlich fragen Sie sich „Warum erzählen die mir davon? Ich will doch nur mein E-Learning aufpolieren!“ Das ist eine Gute Frage. Aus einem Grund: Es ist nicht geklärt, wie optische Täuschungen in unserem Gehirn funktionieren. Fakt ist aber: Unsere Wahrnehmung übersetzt uns die Realität. „Filter“ in unserem Gehirn übersetzen und interpretieren die Umwelt für uns – somit ist die Realität immer subjektiv beeinflusst: mal mehr, mal weniger. Gerade diese Subjektivität gilt es bei der Gestaltung von E-Learnings zu beachten.

Da Lerner die Fragen visuell wahrnehmen, müssen Sie als Autor darüber nachdenken, wie die Lerninhalte und das Fragendesign wirken. Warum? Damit Sie Inhalte und Fragen gestalten, die tatsächlich die Lerninhalte abfragen und nicht die Wahrnehmung überlisten.

Verknüpfungen in unserem Kopf

In unserer Wahrnehmungspsycholgie verknüpfen wir automatisch Informationen. Hierzu eine einfache Übung: Was ist das erste Bild, das Ihnen bei den folgenden Begriffen in den Sinn kommt: Taschentuch … Haus … Auto?

Bei einem Taschentuch denken Sie sehr wahrscheinlich zuerst an ein weißes Papiertuch, vielleicht aber auch an ein Stofftaschentuch. Bei einem Haus? Reihenhaus, Bauernhaus, Mehrfamilienhaus, Ihr eigenes Haus, ein gezeichnetes Haus oder gemaltes Haus – es gibt keine richtige oder falsche Antwort, genau wie beim Auto! Auch dort denken Sie an das Bild, welches Sie persönlich mit „Auto“ verknüpft haben.

Deshalb: Ihre Vorstellung, wie auch die Vorstellung Ihrer Lerner, wird immer durch die eigene Erfahrungswelt geprägt. Sie dürfen also nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch Ihre Fragen gleich versteht, solange es einen Interpretationsspielraum gibt.

Wie wir unsere Welt interpretieren

Interpretationen entstehen dadurch, dass wir Gruppierungen und Zusammenhänge erstellen.

1. Je näher Dinge beieinander liegen, umso schneller gehen sie eine Verbindung ein.

Wir können dies in Texten einfach beobachten:

  • Ein Wort ist ein Bedeutungsträger:

Boot.

  • Dieser Bedeutungsträger wird zu einem Satz kombiniert:

Peter fährt im Boot.

  • Mehrere Sätze transportieren eine Idee in einem Absatz:

Peter fährt im Boot. Er wirft seine Angel aus um Fische zu fangen. Er lehnt sich zurück und wartet darauf, dass einer anbeißt.

  • Mehrere Absätze beschreiben unterschiedliche Aspekte eines Sachverhalts.

Peter fährt im Boot. Er wirft seine Angel aus um Fische zu fangen. Er lehnt sich zurück und wartet darauf, dass einer anbeißt.

Susi steht in der Küche und rührt im Topf. Als sie die Suppe probiert und das Salz auf Ihrer Zunge schmeckt, fragt sie sich,ob Peter an seine Rettungsweste gedacht hat.

  • Ein Kapitel beschäftigt sich mit einem Thema.

Peter fährt Angeln [Kapitel 1]

Peter fällt ins Wasser [Kapitel 2]

Peter rettet sich auf eine kleine Insel [Kapitel 3]

Susi sucht Peter [Kapitel 4]

Nach 5 Jahren kehrt Peter zu Susi zurück [Kapitel 5]

Merke: Zwischenüberschriften und Absätze nach Gedankensprüngen helfen Dinge besser zu erfassen. Deshalb sind durchgängige Fließtexte ohne erkennbare (Sinn-)Absätze zu vermeiden.

 

2. Kästen, einfache Striche oder farblich unterschiedliche Hintergründe können die Bedeutung des Inhalts rund um eine Aussage schnell verändern.

Es liegt also in Ihrem Ermessen, ob Lehrer oder Frauen toll sind. Ferner entscheiden Sie darüber, ob Sie es dem Lerner mit einem klar und einfach zu verstehenden Design ermöglichen, Lerninhalte zu erfassen.

Wahrnehmungspsychologie-beispiel

3. Verknüpfungen finden schon zwischen Überschrift und Subheadline statt.

Wenn Sie die Frage also in der Überschrift beginnen und in der Zwischenüberschrift fortführen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass einige Lerner genau diesen Sprung nicht mitmachen und Ihre Frage vorschnell beantworten.

 Weniger gut:
Besser:
Was ist beim Lernen am wichtigsten

wenn Sie selbst nicht nachdenken wollen?

  1. Der Lehrer?
  2. Der Schüler?
  3. Das Lernmaterial?
Was ist beim Lernen am wichtigsten, wenn Sie selbst nicht nachdenken wollen?
  1. Der Lehrer?
  2. Der Schüler?
  3. Das Lernmaterial?

 

Fazit

In Ihren Lerninhalten sollten Sie deshalb Sinnzusammenhänge bewusst anordnen. Fassen Sie wichtige Informationen zusammen (z.B. in Kästen) und achten Sie auf genügend Abstand zwischen unterschiedlichen Informationen.

 

Das CAPSLOCK Dilemma

Capslock, also das Tippen mit Feststelltaste, erweckt den Anschein als würde geschrien und ist subjektiv sehr negativ belegt (zum Beispiel bei hitzige Diskussionen in Foren). Sie sollten es in den meisten Fällen vermeiden und auch nicht alle Ihre Überschriften so gestalten.

Wann macht es Sinn Capslock zu verwenden? Bei Warnhinweisen (ACHTUNG) oder kurzen Aufforderungen (STOP, HALT,..)
Wann nicht? Bei Fragestellungen oder Aufforderungen an den Lerner, da hier unterschwellig schnell negative Gefühle geweckt werden – bis hin zur Ablehnung.

 


Wie Sie die Erkenntnisse aus der Wahrnehmungpsychologie für Ihre E-Learnings nutzen können

  1. Verbinden Sie zusammengehörige Kontexte visuell
  2. Gruppieren Sie Inhalte in Ihren Lektionen
  3. Machen Sie keine Gedankensprünge zwischen Überschrift und Subheadline
  4. Schreien Sie Ihre Lerner nicht an (Capslock)