Wahrnehmungspsychologie I: Von Chunks und Kätzchen

Wahrnehmungspsychologie-Didaktik-Chunks

© Oksana Kuzmina

Sie dachten eine richtige Antwort wird nur durch den Wissensstand Ihrer Mitarbeiter beeinflusst? Nein! Es kommt nicht (nur) auf den Inhalt Ihrer Frage an, sondern darauf wie Sie ihn darstellen, wie viele Informationen Sie in der Frage platzieren und wie Sie Ihre Antworten gestalten.

In unserer kleinen Reihe rund um Wissenstests wollen wir Ihnen einige psychologische Kniffe zeigen, mit denen Sie bessere E-Learnings erstellen können.

In dieser ersten Lektion zeigen wir Ihnen die Grenzen des menschlichen Gedächtnisses und warum Ihre Mitarbeiter sich nicht mehr als 7 Dinge auf einmal merken können.

Lektion 1: Jedes Mal, wenn Sie das Arbeitsgedächtnis überlasten, stirbt ein Kätzchen!

Aber nicht nur das! Auch die Teilnehmer Ihres Wissenstests sind zum Scheitern verdammt, denn das Arbeitsgedächtnis ist begrenzt. Schon wenn wir einkaufen gehen und mehr als 7 Dinge brauchen, sind wir gut damit beraten uns eine Einkaufsliste zu schreiben.

Warum? Das Arbeitsgedächtnis, vielen besser unter dem Codenamen „Kurzzeitgedächtnis“ bekannt, kann nicht mehr als 7 Chunks speichern.

Ein Chunk ist – kurz zusammengefasst – eine Informationseinheit. Dies kann ein Buchstabe, eine Zahl oder aber auch ein Wort sein.

Doch genau hier werden die Informationen gespeichert, die noch nicht ins Langzeitgedächtnis übergegangen sind. Es gibt unterschiedliche Theorien zum Arbeitsgedächtnis – und bei keiner stirbt in Wirklichkeit ein Kätzchen!

In dieser Lektion stellen wir Ihnen die bekannteste und meist zitierte Theorie vor:  Die Millersche Zahl (1), nach der wir uns ca. 7 (+/-2) Chunks auf einmal merken können. Sobald wir mehr als 7 Chunks behalten sollen, fällt die Gedächtnisleistung massiv. Durch diese Theorie, entsprungen aus einem Artikel von George A. Miller im Jahr 1956, haben Sie einen guten Richtwert, um Ihre E-Learnings zu gestalten. Aber beachten Sie: Nach heutigen Studien sind sogar die glorreichen Sieben oft zu viel – schon mehr als 4 Chunks können wir schwer behalten (Cowan 2001).

Fazit: Ihre Lerner können sich nicht viele Dinge (Chunks) auf einmal merken, wahrscheinlich sogar weniger als 7 Stück auf einmal!

3 Dinge, für die Sie die Millersche Zahl bei Ihrer Fragengestaltung und Ihren E-Learnings anwenden können

  1. Denken Sie bei Ihrem E-Learning daran, dass sich Ihre Lerner nicht an alles erinnern können. Gerade noch nicht im Langzeitgedächtnis verankerte Sachverhalte sind nur begrenzt abrufbar. Nur Detailfragen zu stellen ist daher wenig sinnvoll. Fragen Sie stattdessen lieber nach dem Gesamtkontext, um die Zusammenhänge der Thematik zu verdeutlichen.
  2. Beschränken Sie Ihre Antworten in Multiple Choice Tests auf ca. 5-7 Antwortmöglichkeiten, da noch mehr Antwortmöglichkeiten den Lerner verunsichern können und gegen das Kurzzeitgedächtnis arbeiten. Weniger als 4 Antworten erhöhen hingegen Zufallsergebnisse, da das Raten zu leicht gemacht wird.
  3. Beschränken Sie die Länge der Fragestellung. Je mehr Chunks in einer Frage stehen, umso komplizierter wird die Frage, nicht das abgefragte Wissen. Fragen, die nur sehr schwer zu verstehen sind, frustrieren und verunsichern. Faustregel: Wenn Sie eine Frage mehr als 2-Mal lesen müssen, um sie zu verstehen, sollte die Frage in 95% der Fälle umgeschrieben werden. Ausnahme: Sie machen einen reinen Logiktest.

 


Weblinks:

  • http://www.psych.utoronto.ca/users/peterson/psy430s2001/Miller%20GA%20Magical%20Seven%20Psych%20Review%201955.pdf
  • Cowan, N. (2001). The magical number 4 in short-term memory: A reconsideration of mental storage capacity. Behavioral and Brain Sciences, 24, 87-185